Leid = Schmerz x Widerstand

Leid = Schmerz x Widerstand

Aber jetzt ist es mal genug!

Telefonat hier. Online-Konferenz da. Mails abrufen. Lösungen finden, weil das Netz gerade nicht mitspielt oder ein Browser nicht kompatibel ist. Zwischendurch ein Gespräch per WhatsApp. Ufffff … hoffentlich ist es bald vorbei, weil ich muss schon so dringend… naja .. bin auch nur ein Mensch.

Als ich dann endlich alleine bin, im heiligsten Raum von Klopapierland, regt er sich. Er. Der Widerstand. Gegen das da. Gegen alles da. Gegen die Maßnahmen – obwohl ich sie voll und ganz verstehe und nachvollziehen kann und selbstverständlich einhalte. Gegen das Online-Zeug, mit dem wir arbeiten (müssen) – ob es mich nun als Selbstständige betrifft oder als Lehrende an der Hochschule oder als Studierende im Masterlehrgang. Jetzt. Gerade jetzt. In diesem Moment nervt es. Ich will es nicht mehr! Ich will wieder face-to-face kommunizieren und die Menschen sehen. Sie echt erleben. Mit all ihren Falten und Pickeln und ich will ihre Vibes spüren, wenn wir eine Diskussion führen. Ich will sie fühlen. Grrrrrr…. Und ich lehne mich dagegen auf, dass meine Träume auf unerkennbare Zeit auf Eis gelegt werden müssen. Ahhhh…. ich kann es gar nicht sagen, wie sehr mich das ärgert. Nervt. Wie sehr ich platzen könnte deshalb. Ich spüre es ganz genau.

Ich bin im Widerstand

Auf einer Skala von 0 bis 100 auf der Widerstandsskala dem Thema gegenüber befinde ich mich gerade … jetzt … in diesem Moment … auf 140. Ja. 140. Das heißt, ich hab mein Widerstandskonto schon mit 40 überzogen. Hmmm…. In der nächsten Zeit werd ich wohl noch so manch anderes Konto überziehen. Na, dann ist es eh schon egal. Mit einem Kloß im Hals, einem Frosch auf der Zunge, einem Stein im Bauch und einem Grant in meinen beiden Händen verlasse ich nun Klopapierland. Erleichtert fühlt sich anders an…

Wenn ich es nur ändern könnte!

Auf dem Weg zurück zu meinem Arbeitsplatz auf der Terrasse (boahhhh, die Sonne scheint und ich höre den Specht klopfen – wie geil ist das denn?!) wird mir klar, was es wirklich ist. Ich fühle mich handlungsunfähig. Da ist eine pinklische Starre da, die ich von irgendwoher kenne. Bloß woher?! Diese Handlungsunfähigkeit – diesen Grant in mir – das kenne ich. Eine Tasse Kaffee hilft mir beim Denken. Ja, genau. Das Gefühl ist immer dann gekommen, wenn ich Pinklfrau-Krisen erlebt hab. Immer dann war das Gefühl da. Dieser Widerstand. Diese Auflehnen gegen das, was ist. Aber irgendwie war der Widerstand schlussendlich nie hilfreich. Erst, wenn ich losgelassen habe, ist eine Veränderung eingetreten. Hmmm.

Kaffee – oh du mein Held!

Ich trinke einen Schluck Kaffee. Ganz bewusst. Nehme wahr, wie sich das Häferl anfühlt. Merke, dass der neue Geschirrspüler perfekte Arbeit leistet. So glatt. Spüre das Gewicht der Tasse. Rieche. Ziehe den Duft bis in meine Zehenspitzen ein. Spüre, wie mein Verlangen nach einem Schluck immer größer wird. Koste. Lass das goldbraune Glückswasser durch meine Mundhöhle fließen. Dann – plins- zack- wooohhhhm – springen die Geschmacksknospen darauf an und wachsen über sich selbst hinaus. Ich schließe die Augen. Schlucke. Genieße. Bemerke, dass ein Grinsen in meinem Gesicht Platz nimmt… Der Widerstand ist weg. Das Gefühl hat sich einfach aufgelöst. Danke, du magische Kaf-Fee! Du hast für mich gezaubert. Ich kann es kaum glauben.

Da ist sie – die Erkenntnis!

Wie von der Tarantel gestochen springe ich auf, durchsuche meine Unterlagen und … JA! Da ist es. Da ist die Erklärung. Dass ich nicht  früher daran gedacht habe… Hier steht sie, die einzige Gleichung, die ich je verstanden habe:

Leid = Schmerz x Widerstand

Also befülle ich die Gleichung mal mit den Pinklfrauzahlen.

Schmerz: Meine Familie ist gesund. Meine Freunde auch. Wir haben genug zu essen da und das Wichtigste: Ich lebe. Klar ist es finanziell nicht lustig (da sind die Fixkosten für das Institut, unser Haus und so vieles andere mehr) zu bezahlen. Wenn nichts reinkommt … fuc*!!! OMG – Das kann heftig werden … ich lecke meine Wunde, weil der Gedanke schmerzt! Er schmerzt so sehr, dass ich beschließe 70 Schmerzpinklpunkte zu vergeben. Auf einer Skala von 0 bis 100. Widerstand: Nun, im Klopapierland vergab ich 140 Widerstandspinklpunkte.

Jetzt kommt die Rechnung. Leid = 70 x 140  … ich rechne … Leid = 9800 Pinklpunkte … What the fuc* soll das?! 9800 Pinklpunkte?! So viel?! OMG – wo ist meine positive Denkweise, wenn mein Leid einen Wert von 9800 Pinklpunkte hat? So geht das gar nicht! Nicht mal ansatzweise. Ich muss nachdenken und neue Rechnungen anstellen.

Nach einer Zeit hab ich alles durch!

Und ich hab eine Erkenntnis! Je geringer der Widerstand ist, desto geringer ist mein Leid. Der Schmerz ist derselbe. Klar. Es tut immer noch gleich schlimm weh. Ich muss immer noch meine Wundern lecken. Mich um meinen Schmerz kümmern. Mein Weh-Au versorgen. Aber das Leid … das ließe sich sogar auf Null verringern. Wenn ich mich darauf einlasse. Einlassen würde. Dafür muss ich was ändern. Meine Einstellung… Meinen Fokus. Eh klar…

Ich muss die Situation annehme. So, wie sie ist. Und als das, was sie ist. Eine Sache, mit der nicht zu spaßen ist. Die unser Leben grundlegend verändert. Eine Situation, die uns alle beeinträchtigt. Etwas, das jeder für sich lösen muss und wir es nur gemeinsam lösen können.

Widerstand ist nicht gleich Widerstand!

Bitte, versteh mich nicht falsch! Es gibt politische, rechtsradikale Ausformungen, diktatorische Herrschaftsformen oder menschliche Übergriffe, in denen Widerstand wirklich mehr als angebracht ist! Und ich ziehe meinen Hut vor all denen, die sich für den Widerstand einsetzen. Aber hier meine ich das innere Auflehnen. Meine Gefühle. Meine Herangehensweise an die Thematik. Ich meine diese Art des Widerstands! Und auf den … auf den wird ab jetzt gepinklt!