Mit leichtem Gepäck

Mit leichtem Gepäck

Wie die Faust aufs Aug

Diese drei Worte passen heute wie die Faust aufs Aug’. Mit leichtem Gepäck. Ab jetzt durchs Leben mit leichtem Gepäck. Beschwernisse hinter sich lassen. Verquollenen Augen mit Homöopathie begegnen. Geplante Vorhaben einfach sein lassen. Ich bin mir sicher – nein, ich weiß es ganz genau – dass ich früher anders reagiert hätte. Wenn Planänderungen eingetreten wären. Wenn ich mich dem Pollenflug untertänig hätte machen müssen. Wenn mich schwere Eimer aus der Reserve gelockt hätten. Ich wäre ausgeflippt. Hätte wohl auch mal verständnislos reagiert. Zerrissen hätte es mich wahrscheinlich. Weil ich früher mit schwerem Gepäck unterwegs war. Früher – in meinem alten Leben.

Schwere Taschen sind gute Taschen

Taschen packen finde ich an sich eine herausfordernde Sache. Ich hab immer zu viel mit. Denk immer an zu viel. Bin immer in diesem Sicherheitsmodus. Weil das Schlimmste eintreten könnte… Und da muss ich selbstverständlich gewappnet sein! Also kommt aus Sicherheitsgründen gleich man Keller, Küche und Kabinett mit – egal, wohin ich fahre. Wenn wir mit dem Auto unterwegs waren, war das ja nur halb so schlimm. Die Pinklfraueroberungsstücke haben im Auto immer Platz gefunden. Beim ersten Heimflug von Rom – vor einigen Jahren – hat die Sache schon anders ausgeschaut und seither ist der Keller daheim geblieben. Wissend, dass ich diesen Platz im Gepäck brauche 😉

Was ist wirklich wichtig im Leben?

Die Frage hab ich mir heute gestellt, als ich meiner Tochter beim Ausmalen und Säubern in ihren ersten Pinkltochtereigenwänden geholfen hab. Und dann, als ich die Farbspritzer, die sich trotz Abdeckung auf den Boden verirrt haben, weggeputzt hab, kamen die folgenden Fragen in mir hoch: Was ist wirklich wichtig? Was ist die Essenz der Kindererziehung? Was bleibt übrig? Was gibt man weiter? Welche Werte vermittelt man in 20 Jahren? Welche werden weitergeführt? Welche werden mit einem Schwall Wasser weggespült? Was ist mein Wunsch und was ist der ihre? Was will ich und was will sie? Was ist richtige Hilfe?

Einen Moment lang fiel mir mein Ichpackeeinenkofferzustand ein …  es kam das Gefühl der Schwere hoch … ich hab wahrgenommen: Oje, ich bin unsicher … traurig … und ein wenig verletzlich … vielleicht sogar (pssst – nicht weitersagen!) verstört. Weil es so schnell gekommen ist. Weil es so anders passiert ist, als ich es mir jemals gedacht habe. Weil es JETZT passiert. Und dann hab ich mir gedacht:

Ab jetzt reisen wir alle mit leichtem Gepäck.

Ab jetzt packt jeder und jede das eigene Zeug ein. Darf sich um sich selbst kümmern. Sein eigenes Leben leben. Ist für sich selbst verantwortlich. Und das ist gut so. Darf seine eigenen Grenzen ziehen. Seine eigenen Fehler und Erfahrungen machen. Sein eigenes Leben in die Hand nehmen. Mehr, denn je muss nicht mehr das alte Leben (der anderen wegen) weitergelebt werden. Wie geil ist das?!  Wie schön ist es, für sie, für mich, für den Pinklbuben und auch für den Pinklmann?!? Jetzt ist Zeit für Neubeginn! 🙂 Und dann hab ich weitergeputzt. Und mich nur auf das konzentriert, was ich gerade gemacht hab:

Wenn ich putze, dann putze ich.

Zwischendurch ist das Pinklmädchen kurz ausgezuckt. Weil ihr Häferl voll war. Weil noch einiges an Arbeit vor ihr liegt. Weil ausziehen nicht immer einfach ist. Und da war sie großartig! Sie hat mich voll wild angeschaut und hat gemeint: “Mama, komm mir jetzt ja nicht mit deiner Achtsamkeit!” Ich hab den Kopf geschüttelt und hab nur gesagt: “Nein, keine Sorge! Die ist grad nur was für mich! Reg dich mal auf und heul von mir aus! Das hilft dir jetzt mehr.”

Ich hab sie sein lassen … hab mich um einen neuen kleinen Fleck gekümmert … diesen geputzt … dabei meinen Geist beobachtet … die sich hochdrängenden Gefühle und Gedanken nicht bewertet … versucht ihnen in einer neugierigen und freundlichen Haltung zu begegnen … ganz im gegenwärtigen Moment zu bleiben.

Meine Ruhe ist deine Ruhe

Am späten Nachmittag, als wir zwei – Pinklfrau und Pinkltochter – gemeinsam fürs neue Pinkltochterheim die Grundbasis an Putzutensilien besorgt haben (weil sie mich dabei haben wollte) – hab ich gemerkt, was sich alles an Werten und an Pinklischem in ihr festgelebt hat. Ja, da hat sich wirklich viel fest-ge-lebt … ein-ge-nistet … im Innersten festgefahren … aber auch einiges weiterentwickelt … positiv … nachhaltig … lebensbejahend … und am allerschönsten: Sie reist ab jetzt mit leichtem Gepäck  … mit ihrem eigenen Gepäck … in ihre neue Ruhe, die auch meine Ruhe ist …

Bildquelle: https://www.pexels.com/de-de/foto/abreise-ankunft-business-draussen-1008155/